Verantwortungsvolle Einkaufspraktiken im Bananensektor stärken
Wie wirken sich die Einkaufspraktiken von Einzelhändlern auf Lieferanten und Arbeiter*innen in Bananenlieferketten aus? Eine gemeinsame Bewertung mit 12 europäischen Einzelhändlern und 34 Lieferkettenpartner liefert neue Erkenntnisse zu verantwortungsvollen Einkaufspraktiken, zeigt unterschiedliche Wahrnehmungen und zentrale Verbesserungspotenziale auf. Die Ergebnisse bilden nun die Grundlage für unternehmensspezifische Aktionspläne und eine sektorweite Orientierungshilfe.
Verantwortungsvolle Einkaufspraktiken (Responsible Purchasing Practices, RPP) spielen eine entscheidende Rolle bei der Förderung existenzsichernder Löhne in globalen Bananenlieferketten. Während sich Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen traditionell vor allem auf die Produktionsebene konzentriert haben, beeinflussen die Einkaufsentscheidungen von Einzelhändlern unmittelbar die Möglichkeiten von Lieferanten und Produzierenden, in menschenwürdige Arbeitsbedingungen und faire Löhne zu investieren. Unverantwortliche Einkaufspraktiken können Druck erzeugen, der sich entlang der gesamten Lieferkette fortsetzt und sich letztlich auf Arbeitende und ihre Lebensbedingungen auswirkt. Die Bewertung von Einkaufspraktiken wird daher zu einem zunehmend wichtigen Bestandteil menschenrechtlicher Sorgfalt und unterstützt Unternehmen dabei, unbeabsichtigte negative Auswirkungen ihrer eigenen Beschaffungspraktiken zu erkennen und anzugehen.
Verantwortungsvolle Einkaufspraktiken sind von grundlegender Bedeutung für den Aufbau resilienter und nachhaltiger Lieferketten. Bewertungen wie diese liefern wertvolle Erkenntnisse darüber, wie Einkaufsentscheidungen Arbeitsbedingungen und Geschäftsergebnisse beeinflussen können. Wir hoffen, dass die Ergebnisse kontinuierliche Verbesserungen vorantreiben, die Zusammenarbeit im Sektor stärken und zu bedeutenden Fortschritten für Arbeitende und Lieferanten beitragen.
Verantwortungsvolle Einkaufspraktiken als Hebel zur Schließung von Lohnlücken
Im Rahmen der Living-Wage-Commitments des Bananeneinzelhandels in Deutschland, Belgien, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich erproben Einzelhändler verschiedene Ansätze, um Lohnlücken in ihren Bananenlieferketten zu schließen. Als wichtige kurzfristige Maßnahme vereinbarte die Arbeitsgruppe des deutschen Einzelhandels 2021 die Einführung freiwilliger finanzieller Beiträge zur Schließung von Lohnlücken, deren Umsetzung 2022 begann. Im Jahr 2023 schlossen sich alle Einzelhändler der weiteren europäischen Verpflichtungen diesem Ansatz an und verständigten sich auf ein gemeinsames Vorgehen. Heute tragen 16 Einzelhändler dazu bei, Lohnlücken für zumindest einen Teil ihrer Beschaffungsmengen zu schließen – entweder durch eigenständige finanzielle Beiträge oder über das Fairtrade-System. Im Jahr 2025 erreichte die Arbeitsgruppe des deutschen Einzelhandels ihr gemeinsam vereinbartes Ziel, mindestens 50 Prozent der jeweiligen Bananenmengen als Living-Wage-Bananen zu beziehen. Dafür wurden Lohndaten erhoben und verifiziert sowie freiwillige Beiträge an Farmen gezahlt, auf denen weiterhin Lohnlücken bestehen.
Gleichzeitig erkennen die Einzelhändler an, dass neben Tarifverhandlungen und nationalen Mechanismen zur Lohnfestsetzung auch verantwortungsvolle Einkaufspraktiken entscheidend sind, um die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für nachhaltige und strukturelle Lohnverbesserungen zu schaffen. Indem sie zu einer ausgewogeneren Verteilung von Wert und Risiken entlang der Lieferkette – von den Produzierenden über den Einzelhandel bis hin zu den Konsumierenden – beitragen, schaffen sie eine wichtige Grundlage für langfristige Fortschritte hin zu existenzsichernden Löhnen.
Vor diesem Hintergrund führten 12 Einzelhändler aus den verschiedenen nationalen Verpflichtungen im Jahr 2024 erstmals eine Selbsteinschätzung ihrer verantwortungsvollen Einkaufspraktiken durch. Ziel war es, den aktuellen Stand der Umsetzung zu bewerten und Verbesserungspotenziale zu identifizieren. Die Selbsteinschätzung förderte zugleich den wertvollen internen Austausch zwischen Einkaufs-, Nachhaltigkeits- und Menschenrechtsteams der beteiligten Unternehmen. Allerdings bilden Selbsteinschätzungen lediglich die eigene Wahrnehmung eines Unternehmens ab, während die Perspektiven der unmittelbar von diesen Einkaufspraktiken betroffenen Lieferkettenpartner unberücksichtigt bleiben.
Die Schließung von Lohnlücken erfordert mehr als finanzielle Beiträge. Ein offener Dialog mit Lieferanten und eine kritische Überprüfung unserer Einkaufspraktiken sind ebenso wichtig. Diese Bewertung hilft uns, Möglichkeiten für kontinuierliche Verbesserungen zu identifizieren und langfristige Fortschritte hin zu existenzsichernden Löhnen voranzutreiben.
Einkaufspraktiken der Einzelhändler aus Perspektive der Lieferkettenpartner
Um die Selbsteinschätzungen der Einzelhändler zu ergänzen und ein umfassenderes Verständnis davon zu gewinnen, wie sich Einkaufspraktiken auf ihre Lieferkettenpartner auswirken, arbeiteten Mitglieder der Arbeitsgruppe des deutschen Einzelhandels sowie ausgewählte Einzelhändler der belgischen, niederländischen und britischen Living-Wage-Commitments mit der Ethical Trading Initiative (ETI) zusammen. Gemeinsam mit ETI bewerteten die beteiligten Einzelhändler ihre aktuellen Einkaufspraktiken und kombinierten dabei die Selbsteinschätzungen mit umfassendem Feedback ihrer Lieferkettenpartner. Insgesamt beteiligten sich 12 Einzelhändler sowie 34 Tier-1- und Tier-2-Lieferanten an den Bewertungen. Da einige Lieferanten mehr als einen ihrer Einzelhandelspartner bewerteten, gingen insgesamt 111 Rückmeldungen von Lieferanten ein. Zusammen repräsentieren die teilnehmenden Lieferanten rund 100.000 Arbeitende in Bananenlieferketten.
Auf Grundlage des Common Framework for Responsible Purchasing Practices von ETI kombinierte die Bewertung Befragungen der Einkaufs- und Menschenrechtsteams der Einzelhändler mit Lieferantenbefragungen und vertiefenden Interviews. Untersucht wurden fünf zentrale Prinzipien verantwortungsvoller Einkaufspraktiken: Internal Integration (P1), Equal Partnership (P2), Collaborative Production Planning (P3), Fair Payment Terms (P4) und Sustainable Costing (P5). Die nachfolgende Grafik zeigt, wie die Lieferanten die Einzelhändler anhand der Prinzipien 2 bis 5 bewerteten. Prinzip 1 wurde nicht in die Lieferantenbewertung einbezogen, da es sich auf interne Prozesse und Strukturen der Einzelhändler bezieht, die von Lieferanten nicht bewertet werden können.
Durch den Vergleich der Perspektiven von Einzelhändlern und Lieferanten sollten Verbesserungspotenziale identifiziert und den beteiligten Einzelhändlern zugleich ein wertvolles Benchmarking untereinander ermöglicht werden.

Abbildung: Wie Lieferanten Einzelhändler anhand der Prinzipien des ETI Food Framework bewertet haben. Bewertungsskala von „Unzureichend" bis „Fortgeschritten". P2: Gleichberechtigte Partnerschaft, P3: Gemeinsame Produktionsplanung, P4: Faire Zahlungsbedingungen, P5: Nachhaltige Kalkulation. Quelle: Banana supply chain: How purchasing practices influence outcomes for producers, exporters, and workers. Group Report. (ETI, S. 5, Abb. 5)
Es war ermutigend, eine Initiative wie diese zu sehen, die die gesamte Lieferkette in den Blick nimmt – von der Realität im Ursprungsland bis hin zur Art und Weise, wie diese von den Einkäuferinnen europäischer Supermärkte wahrgenommen und berücksichtigt wird. Hinter jeder Bananenkiste steckt vieles, was Einzelhändler nicht immer sehen. Manchmal entsteht der Eindruck, dass Anforderungen gestellt werden, ohne sich wirklich in die Situation der Bananenbranche im Ursprungsland hineinzuversetzen. Gleichzeitig gibt es Einzelhändler mit wirklich guten Praktiken, und auch das verdient Anerkennung. Entscheidend ist, dass jede Kunden-Lieferanten-Beziehung auf eine echte Win-win-Situation hinarbeitet – und Initiativen wie diese können dazu beitragen.
Bewertungen zeigen konkrete Verbesserungspotentiale auf
Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass die Einkaufspraktiken von Einzelhändlern einen erheblichen Einfluss auf Arbeitsbedingungen und Arbeitnehmerrechte entlang der Bananenlieferketten haben. In allen untersuchten Bereichen zeigte sich ein wiederkehrendes Muster unterschiedlicher Wahrnehmungen: Während Einzelhändler ihre Einkaufspraktiken insgesamt positiv einschätzten, beschrieben Lieferanten teilweise eine andere Realität in Bezug auf Planung, Preisgestaltung, Zahlungsbedingungen und Audit-Anforderungen. Gleichzeitig zeigte das Benchmarking deutliche Unterschiede zwischen den teilnehmenden Einzelhändlern auf. Daraus ergeben sich wertvolle Möglichkeiten für gegenseitiges Lernen und für die Stärkung interner Diskussionen über verantwortungsvolle Einkaufspraktiken.
Aus Sicht der Lieferkettenpartner zeigen die Bewertungen sechs zentrale Bereiche auf, die weiterer Aufmerksamkeit bedürfen:
- Machtungleichgewichte und wirtschaftlicher Druck
- Preise, die die tatsächlichen Produktionskosten nicht ausreichend decken
- Belastungen durch Audits
- Unterschiedliche technische Anforderungen in verschiedenen Märkten
- Druck durch niedrige Einzelhandelspreise und die Handhabung von Reklamationen
- Herausforderungen bei der Umsetzung von Living-Wage-Commitments
Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass Einkaufsentscheidungen weitreichende Folgen über die unmittelbaren Geschäftsbeziehungen hinaus haben können und die Möglichkeiten von Lieferanten beeinflussen, in bessere Arbeitsbedingungen und Lohnsteigerungen zu investieren.
Die Einzelhändler wiederum identifizierten eine starke interne Abstimmung zwischen Einkaufs- und Menschenrechtsteams als zentrale Voraussetzung für verantwortungsvollere Einkaufspraktiken. Die Unterstützung durch die Führungsebene und eine engere bereichsübergreifende Zusammenarbeit wurden als wesentlich dafür angesehen, verantwortungsvolle Einkaufspraktiken im gesamten Unternehmen zu verankern.
Die Untersuchung und der Bericht von ETI sind wichtig, um Leitlinien für Einkaufsteams zu entwickeln und sicherzustellen, dass die gesamte Lieferkette im gleichen Interesse und mit den gleichen Zielen handelt. Nur so kann die Bananenlieferkette langfristig nachhaltig funktionieren.
Evidenzbasierte Empfehlungen als Ausgangspunkt für strukturelle Verbesserungen
Aufbauend auf den Ergebnissen formuliert der Bericht praxisorientierte Empfehlungen. Dazu gehören die Stärkung des Dialogs mit Lieferanten und von Feedbackmechanismen, eine verbesserte Produktionsplanung und Prognose, eine ausgewogenere Verteilung wirtschaftlicher Risiken, die Überprüfung von Zahlungspraktiken und Vertragsbedingungen sowie die Entwicklung von Preisansätzen, die die Kosten einer verantwortungsvollen Produktion besser berücksichtigen und Fortschritte bei der Schließung von Lohnlücken unterstützen.
Die Veröffentlichung der Bewertungsergebnisse bildet den Ausgangspunkt für eine Reihe weiterer Maßnahmen:
Alle deutschen Einzelhändler der Arbeitsgruppe sowie einige Einzelhändler der von IDH koordinierten Verpflichtungen werden ihre individuellen Bewertungsergebnisse nutzen, um unternehmensspezifische Aktionspläne zu entwickeln. Die Einzelhändler haben bereits damit begonnen, die Ergebnisse intern mit den relevanten Teams zu teilen und zu reflektieren. Darauf aufbauend werden sie die identifizierten Verbesserungspotenziale validieren und priorisieren, gegebenenfalls Lieferanten einbeziehen und individuelle Aktionspläne mit klaren Zielen und Erfolgsindikatoren entwickeln. Die Aktionspläne dienen als Fahrplan für die Umsetzung verantwortungsvollerer Einkaufspraktiken und unterstützen zugleich ein kontinuierliches Monitoring sowie fortlaufendes Lernen und Anpassen.
Als Lieferant im Bananensektor begrüßen wir, dass diese Untersuchung die Einkaufspraktiken in den Fokus rückt – einen Bereich, der bislang weniger Aufmerksamkeit erhalten hat als die Produktionsseite der Lieferkette. Wirtschaftliche Entscheidungen entlang der Lieferkette haben langfristig Auswirkungen, die bis hin zu den Arbeitsbedingungen vor Ort reichen können. Aus unserer Sicht ist ein transparenter und kontinuierlicher Dialog zwischen Einzelhändlern, Lieferanten und Produzenten die Grundlage dafür, gemeinsam dauerhafte Verbesserungen zu erreichen.
Parallel dazu entwickelt ETI auf Grundlage der Bewertungsergebnisse und in Abstimmung mit Einzelhändlern, Lieferanten und weiteren Akteuren eine sektorspezifische Orientierungshilfe für verantwortungsvolle Einkaufspraktiken im Bananensektor. Die Veröffentlichung ist für Anfang 2027 geplant. Die Orientierungshilfe wird praxisorientierte Empfehlungen enthalten, um verantwortungsvolle Einkaufspraktiken weiter zu stärken und strukturelle Ursachen niedriger Löhne in Bananenlieferketten anzugehen.
GIZ und IDH werden die teilnehmenden Einzelhändler in diesem Prozess weiterhin begleiten und die Umsetzung, den Erfahrungsaustausch und kontinuierliches Lernen unterstützen. Indem die Erkenntnisse aus den Bewertungen in konkrete Verbesserungen der Einkaufspraktiken überführt werden, wollen die beteiligten Einzelhändler zu langfristigen Fortschritten hin zu existenzsichernden Löhnen im Bananensektor beitragen.
Eine Zusammenfassung und der vollständige Bericht "Banana supply chain: How purchasing practices influence outcomes for producers, exporters, and workers" (nur auf Englisch verfügbar)

